Polly Adler: Wo is' das Problem?

Schlüsselkarten in Hotels haben ihre Tücken, wenn man nicht mehr ganz nüchtern ist. Was macht eine Dame nach einer Champagnerdusche in einer Wellnessoase? Sie öffnet versehentlich das Hotelzimmer eines schönen und belesenen Unbekannten, philosophiert mit ihm über Tolstoi, die Liebe und die Leidenschaft – und schläft am Ende auf seinem Sofa ein.





Eine Wellness-Oase in Wurfweite von Wien. Eine Frau, sichtlich damit beschäftigt, ihren Damenschwips vor sich selbst zu tarnen, nes-telt mit der Schlüsselkarte an ihrer vermeintlichen Zimmertür. Nach der Hot-Stone-Massage und dem Efeuentschlackungsbad hat sie mit ihrer Freundin eine ausführliche Champagnerdusche in der Wohlfühl-Bar genommen. Um wieder einmal ausführlich zu besprechen, wie man das Leben auf die Paris-Schiene zwingen kann, rein männer-technisch.

Bei wiederholten Einführversuchen der Schlüsselkarte leuchtet immer nur das rote Licht auf. Sie ist verwirrt. Ist es vielleicht das Zimmer daneben? Sie probiert, kriegt wieder nur hektisches Geflacker.
Dann probiert sie es zwei Zimmer weiter, grünes Licht, die Tür öffnet sich. Das ist gut, das ist sehr gut. Die schlechte Nachricht: Es ist nicht ihr Zimmer. Offensichtlich hat sie an der Bar ihre Schlüsselkarte mit einer anderen verwechselt.

Sie will das Zimmer verlassen, ist aber dann doch zu neugierig. Hier dürfte nämlich ein Mann wohnen. Sie betrachtet die zwei Paar feinen Schuhe und die affigen Kaschmirpullover. Kann man Männer, die sich wie Porto-Cervo-Pensionisten in diese fruchteisfarbenen Teile hüllen, ernst nehmen?

Schwierig, alles wie immer sehr schwierig. Dann betrachtet sie das Buch, das auf dem Nachttisch liegt. Erstaunlich: Der Mann liest Tolstois „Anna Karenina“. Oh, wie sensibel!

Sie nimmt das Buch, sieht, dass einige Stellen unterstrichen sind. Schon der erste Satz: „Alle glücklichen Familien gleichen einander, jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Weise unglücklich …“
Sie blättert weiter und bewegt halblaut ihre Lippen: „Die Frauen sind der eigentliche Prüfstein für die Tätigkeit des Mannes. Es ist schwer, eine Frau zu lieben und zugleich auf irgendeinem Gebiet etwas Ersprießliches zu leisten …“

Der Mann, dem das Zimmer gehört, hat das Szenario schon einige Sekunden lang amüsiert beobachtet. Er tritt jetzt ein und vollendet die Stelle aus der Hüfte. Er dürfte das Buch wirklich gerne mögen. Er rezitiert: „Es gibt nur ein Mittel, die Liebe zur Frau und die nützliche Tätigkeit zu vereinigen: Das ist die Ehe.“

Die Frau spielt das Spiel weiter: „,Du hast eben niemals geliebt‘, sagte Wronskij leise, während er vor sich hinsah und an Anna dachte …“

Der Mann setzt sich auf das Sofa. „Mögen Sie Tolstoi?“ Sie antwortet: „Ich mag ihn dann, wenn er an die Liebe glaubt.“ „Im Alter von 82 Jahren hat Tolstoi seine Familie verlassen, weil er das Zusammenleben mit seiner Frau unerträglich fand“, antwortet er. „Er wollte in die Einsamkeit flüchten. Auf dem Weg dorthin ist er an einer Lungenentzündung gestorben.“

Sie: „Geschieht ihm irgendwie recht. Und trotz dieses spätsenilen Lonesome-Cowboy-Syndroms konnte er einen Roman wie ,Anna Karenina‘ schreiben.“

„Anna Karenina geht aber schlecht aus. Und ihr Frauen seid doch echte Happy-End-Junkies …“

„Blödsinn. Die wirklich großen Lieben gehen immer schlecht aus.“ Sie gähnt.

Der Mann möchte jetzt noch eine sehr männliche Erklärung abgeben: „Graf Wronskijs fataler Irrtum war, dass er Leidenschaft mit Liebe verwechselte. Und in der geordneten Regelmäßigkeit kann Leidenschaft nicht überleben. Es ist wider ihre Natur …“

Darauf will ihr jetzt nichts einfallen. Sie lässt sich ungebeten auf das Sofa gegenüber fallen und wirft dabei ihre Hände zu einer Geste der Ratlosigkeit in die Höhe.

Der Mann lächelt und sagt: „Entschuldigen Sie bitte meine Neugierde: Aber was machen Sie eigentlich in meinem Zimmer?“ Sie kichert: „Tja, gut, dass Sie mich das fragen … Ich, ich weiß es eigentlich selbst nicht so genau.“ Er: „Na ja, da haben wir ja schon einmal etwas gemeinsam. Sie sehen aus, als ob ich einen Drink bräuchte.“

Wie alle Betrunkenen bemüht sich die Frau erneut ihre entgleitenden Gesichtszüge wieder einzufangen. Sie erklärt dann mit behäbigem Zungenschlag: „Guter Plan, sehr guter Plan.“

Der Mann steht auf, geht zur Minibar und taxiert sie dann noch einmal: „Für Sie könnte ich mir Wasser sehr gut vorstellen.“ Sie beginnt sich mit dieser Situation zunehmend anzufreunden: „Da haben wir schon was nicht gemeinsam. Man soll doch nicht mischen. Und ich habe heute schon den ganzen Abend Champagner getrunken.“

Er grinst, nimmt eine kleine Flasche Champagner aus dem Kühlschrank und gießt sie in zwei Gläser. Sie, um Aufmüpfigkeit bemüht: „Sie sehen mir eigentlich gar nicht wie so ein Karotten-Häschen aus.“ Er: „Was ist das denn bitte?“ „Na, so ein Wellness-Typ. Wir sind doch hier in einer Wellness-Oase, soweit ich mich erinnere …“

Er: „Danke, sehr charmant.“ „Oh Gott!“ Sie schlägt sich auf die Stirn. „So hab’ ich das doch gar nicht gemeint. Sie sehen eigentlich sehr …“

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