Vilnius: Stadt mit vielen Wahrheiten

Vilnius. Litauens Metropole galt einst als Jerusalem des Nordens. Bis die Nazis und ihre litauischen Helfer die meisten jüdischen Bürger ermordeten. Die düstere Vergangenheit überschattet nun die festlich inszenierte Selbstdarstellung von Vilnius.





Dov-Ber rezitiert in rabbinischem Singsang alte Maises, Geschichten auf Jiddisch aus einer längst versunkenen Welt – den Stedtln Osteuropas. Vierzehn Schüler aus sechs Ländern saugen jedes seiner in den Rauschebart genuschelten Worte auf, als seien sie ihnen heilig.

Nur selten unterbricht der Dozent seinen Monolog, um eine Frage zu stellen. Die Antworten kommen prompt, wenn auch mit starkem amerikanischen, französischem oder spanischem Akzent. Viele schreiben mit, die meisten in hebräischer Schrift. Hier sitzen die Fortgeschrittenen, Level 4 der Yiddish Summer School an der Universität von Vilnius, der einstigen Metropole der jüdischen Aufklärung.

„Ech hob gemeint, ech weiss, aber jetzt weiss ech, dass ech gur nischt weiss“, sagt eine Kursteilnehmerin, die nach sieben Jahren in Israel nun wieder in ihrer Heimatstadt Vilnius lebt. Am Yiddish Institute lernt die alte Dame ihre Mameloschn, ihre Muttersprache. Als Kind habe sie nur jiddisch gesprochen. Die damalige Amtssprache Russisch lernte sie erst in der Schule. „Wenn die Eltern hobn gestorbn, hob ech aufgehert zi rejdn jiddisch.“


„Viele Überlebende des Holocaust haben versucht, ihre Herkunft zu verdrängen“, sagt die stellvertretende Direktorin des Instituts Ruta Puisyte. Sie wollten sich möglichst schnell ihrer neuen Umgebung anpassen. Jetzt sind es ihre Kinder und Enkel, die mehr über die Geschichte ihrer Familien erfahren möchten und die Sprache ihrer Vorfahren lernen.

Auch Barbara aus Virginia lernt in Vilnius ihre Muttersprache. Vor dem Holocaust wanderten ihre Eltern nach Amerika aus, wo sie 1939 zur Welt kam. Zuhause sprachen sie jiddisch. Im Kurs sucht Barbara nach ihren Wurzeln. Diese liegen hinter den meterdicken Mauern der Vilniuser Universität. Die vor rund 500 Jahren um 13 Innenhöfe im Renaissancestil erbaute Hochschule grenzt an das einstige jüdische Ghetto.

Die Nazis pferchten hier tausende Menschen ein. Seit dem deutschen Einmarsch 1941 zog sich der Ring der Vernichtung immer enger um das jüdische Viertel. Am 23. September 1943 ließen die Mörder das Ghetto „liquidieren“. Wer bis dahin nicht geflohen war, wurde von SS-Männern und ihren litauischen Helfern erschossen oder in Vernichtungslagern vergast ...

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