Frankreichs vergessene Kinder

In den Banlieues, den verslumten Vorstädten von Paris, regieren Enttäuschung, Frust und Aggression. Engagierte Sozialarbeiter wollen der Jugend neue Hoffnung geben.



Der große Schwarze, der mit seinem Kopf fast an die Decke des Tonstudios stößt, gibt sich abgeklärt: „Natürlich wird’s hier wieder krachen, spätestens wenn die neue Polizeistation aufmacht.“ Zwischen seinen Sätzen singt er im Vorstadt-Slang vom Ärger mit den „Bullen“, von Enttäuschungen, Familie, von Wut und Hoffnung. „Canon“ nennt sich der 18-jährige Rapper aus Clichy-sous-Bois, der Vorstadt östlich von Paris.

2005 brannten hier und in anderen Pariser Vororten fünf Tage lang Autos und Barrikaden. Jugendliche bewarfen Polizisten mit Molotow-Cocktails und Steinen. Die Uniformierten prügelten auf sie ein. Bilanz: vier Tote, 217 teils schwer verletzte Polizisten, an die 5.000 Festnahmen, mehr als 10.000 verbrannte Autos und rund 500 beschädigte Geschäfte und Gebäude.

„Was soll sich geändert haben?“, beantwortet Canon die Frage nach Neuigkeiten seit dem Aufstand. Er klingt resigniert. Wünsche hat er trotzdem: „Ein Kino könnten Sie hier machen, oder ein Einkaufszentrum, damit die Leute nicht mehr auf der Straße herumhängen müssen.“

Präsident Nicolas Sarkozy, der 2005 als Innenminister das „Gesindel“ aus den Vorstädten mit dem Dampfstrahler verjagen wollte, setzt auf Repression. Die Nationale Front macht Stimmung gegen Einwanderer: „Frankreich liebt man oder man verlässt es.“ Der Nation versprach Sarkozy vor allem Sicherheit. Zwischen heruntergekommenen grauen Wohnblocks aus den 70er Jahren entsteht in Clichy-sous-Bois, das nicht mit der Stadt Clichy im Nordwesten von Paris zu verwechseln ist, eine neue Polizeiwache. Die, findet Canon, „macht alles noch schlimmer“.

Die konservative Regierung hat die von den Sozialisten eingeführte Nachbarschaftspolizei abgeschafft. Statt der Nachbarschaftsbeamten, die auf dem Fahrrad durchs Viertel fuhren und viele Jugendlichen mit Namen kannten, patrouilliert jetzt die nationale Polizei durch Clichy und andere Pariser Krisen-Vororte. Bei der diesjährigen Regionalwahl im März holte Sarkozys „Union für eine Volksbewegung“ das schlechteste Ergebnis seit 1958, die Sozialisten siegten haushoch, und die rechtsextreme Front National legte zu.

Auf dem Weg zum Tonstudio ist Canon mit seinen beiden Freunden in eine Kontrolle geraten. „Zieh deine Socken aus“, hätten die Polizisten zu einem der drei Jugendlichen gesagt. „Nur so, wir haben nichts gemacht“, schwört Canon. Nachdem er die Anweisung befolgt hatte, durften sie weiter fahren.

Chidra und Ren, beide gerade 18 geworden, nicken. Gemeinsam haben die drei Burschen, Freunde seit Kindertagen, die Band GDH gegründet, „Gardien des Halles“, benannt nach den Wächtern, die in den Sozialwohnungsbauten aufpassen. „Wenn wir rappen, hören die Leute vielleicht zu“, hoffen die drei Musiker ...

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